Rainer Maria Rilke - seine schönsten Liebesgedichte

08. August 2017
Bild von Rainer Maria Rilke zu Liebesgedichte
verträumt und romantisch - so waren fast alle Gedichte von Rilke

Rilke gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Dinggedichte/Dinglyrik. Das Werk dieses einfühlsamen, besonderen Dichters beinhaltet aber auch unzählige Liebesgedichte. Die Liebesgedichte von Rilke sind nicht weniger bemerkenswert, als seine übrigen Gedichte. Wir haben dir hier eine Liste besonders schöner Gedichte von Rainer Maria Rilke zum Thema Liebe zusammengestellt.

Rezitation: Ulrich Tukur / Musik: waterland von Andreas Kolinski

Weisst du, ich will mich schleichen

Weißt du, ich will mich schleichen
Leise aus lautem Kreis,
Wenn ich erst die bleichen
Sterne über den Eichen
Blühen weiß.

Wege will ich erkiesen,
Die selten wer betritt
In blassen Abendwiesen –
Und keinen Traum, als diesen:
Du gehst mit.

Anmerkung zu Verb "erkiesen", das Rilke in seinem Liebesgedicht verwendet hat: "Bis ins 18. Jahrhundert wurde erkiesen mit all seinen Formen im Deutschen verwendet. Seitdem sind nur noch das Partizip erkoren und gelegentlich Präteritalformen wie ich erkor oder wir erkoren gebräuchlich." [Wiktionary] / Quelle: Advent, S. 53; P. Friesenhahn / Leipzig 1898


Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Das Stundenbuch; Erstes Buch - Das Buch vom mönchischen Leben (1899)


Bei dir ist es traut

Bei dir ist es traut:
Zage Uhren schlagen
wie aus weiten Tagen.
Komm mir ein Liebes sagen -
aber nur nicht laut.

Ein Tor geht irgendwo
draußen im Blütentreiben.
Der Abend horcht an den Scheiben.
Laß uns leise bleiben:
Keiner weiß uns so.

Quelle: Advent, S. 54, 1. Auflage 1898, P. Friesenhahn


Die Liebende

Das ist mein Fenster. Eben
bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alles
wäre noch Ich ringsum;
durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sterne
fassen in mir, so groß
scheint mir mein Herz; so gerne
ließ es ihn wieder los

den ich vielleicht zu lieben,
vielleicht zu halten begann.
Fremd, wie niebeschrieben
sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese
Unendlichkeit gelegt,
duftend wie eine Wiese,
hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange,
daß einer den Ruf vernimmt,
und zum Untergange
in einem Andern bestimmt.

Quelle: Das Buch der Bilder 1. Buch Teil 1, S. 18


Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten

Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten
aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.
Schau, ich will nichts, als deine Hände halten
und still und gut und voller Frieden sein.

Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben
den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:
An ihren morgenroten Molen sterben
die ersten Wellen der Unendlichkeit.

Quelle: Advent, S. 55, 1. Auflage 1898 - P. Friesenhahn


An die Geliebte

Du kommst mir hoch vom Hang entgegen
im Feierkleid, im weißen Kleid;
sein wellenweiches Faltenlegen
rauscht in die Aveeinsamkeit.

Ein Grüßen blüht auf deinem Munde,
ein Winken weht von deiner Hand,
und durch des Abends rote Stunde
führst du das Glück ins kühle Land...


Schlaflied

Einmal wenn ich dich verlier,
wirst du schlafen können, ohne
daß ich wie eine Lindenkrone
mich verflüstre über dir?

Ohne daß ich hier wache und
Worte, beinah wie Augenlider,
auf deine Brüste, auf deine Glieder
niederlege, auf deinen Mund.

Ohne daß ich dich verschließ
und dich allein mit Deinem lasse
wie einen Garten mit einer Masse
von Melissen und Stern-Anis.


Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände -
hörst du: es rauscht...
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider,
und auch das ist Geräusch bis zu dir.
Hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder ...
... aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Atemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.


Die Liebesgedichte von Rilke zeichnen sich - ganz anders als die Liebesgedichte von Goethe - oftmals vor allem dadurch aus, dass sie zumindest nicht offensichtlich einer bestimmten Person gewidmet sind. Rilke nutzt in seinen Liebesgedichten Ansprachen, wie »meine Geliebte« oder »die Liebste« während andere Dichter oftmals einen Namen als Titel für das Liebesgedicht verwenden, oder ihren Liebesgedichten zumindest Widmungen angefügt oder vorangestellt haben.

Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.


Mein Herz

Ich weiß nicht, was ich habe,
mir ist ums Herz so schwer…..
Ums Herze? Ach was sag ich –
ich hab doch keines mehr.
Seit ich, mein Glück, dich kenne,
du süßes Liebchen mein,
vom ersten Augenblicke
an wars ja doch schon dein.
O mögst du es behalten,
damit es stets so blieb –
es soll ja dir gehören,
nur dir, mein süßes Lieb!
Giebs nie mehr mir zurücke –
es schlägt dir ja in Treu –
und willst du’s nicht mehr haben
mein Schatz, dann brichs entzwei.


Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du's?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem Absturz
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewußtseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. - Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens....

aus dem Nachlass von Rilke

Wenn du noch nicht genug von Rilkes Liebesgedichten hast, kannst du dich hier weiter umschauen.

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