Johann Wolfgang von Goethe: die schönsten Liebesgedichte

02. Oktober 2018
Bild zeigt Goethe vor einem Baum in Herzform
Goethe liebte die Liebe, wie viele seiner Werke zeigen

Das Werk von Johann Wolgang von Goethe ist für jeden, der Literatur nicht studiert hat, fast unüberschaubar. Natürlich hat sich der Dichterfürst in diesem Werk auch umfangreich dem Thema Liebe gewidmet. Die Liebesgedichte von Goethe sind Fundament unzähliger nachfolgender Arbeiten verschiedener Künstler der unterschiedlichsten Genres. Hier haben wir für Dich nun die schönsten Gedichte von Goethe zusammengetragen. Zu jedem Liebesgedicht findest Du unterhalb die Quelle, bzw. das Werk, in dem es veröffentlicht wurde.

Gefunden.

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt' es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Ich grubs mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ichs
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

aus: Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Erster Band. S. 26


An Annetten.

Es nannten ihre Bücher
Die alten sonst nach Göttern,
Nach Musen und nach Freunden,
Doch keiner nach der Liebsten;
Warum sollt’ ich, Annette,
Die Du mir Gottheit, Muse,
Und Freund mir bist, und alles,
Dieß Buch nicht auch nach Deinem
Geliebten Nahmen nennen?

Quelle: Johann Wolfgang von Goethe, Annette, 2. Aufl., Faksimile-Neudruck der Ausgabe Leipzig 1767. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag, 1965.


An Lida

Es nannten ihre Bücher
Die alten sonst nach Göttern,
Nach Musen und nach Freunden,
Doch keiner nach der Liebsten;
Warum sollt’ ich, Annette,
Die Du mir Gottheit, Muse,
Und Freund mir bist, und alles,
Dieß Buch nicht auch nach Deinem
Geliebten Nahmen nennen?

Quelle: Johann Wolfgang von Goethe, Annette, 2. Aufl., Faksimile-Neudruck der Ausgabe Leipzig 1767. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag, 1965.


Glück der Entfernung.

Trink’, o Jüngling! heil’ges Glücke
Taglang aus der Liebsten Blicke;
Abends gaukl’ ihr Bild dich ein.
Kein Verliebter hab’ es besser;
Doch das Glück bleibt immer größer,
Fern von der Geliebten seyn.

Ew’ge Kräfte, Zeit und Ferne,
Heimlich wie die Kraft der Sterne,
Wiegen dieses Blut zur Ruh.
Mein Gefühl wird stets erweichter;
Doch mein Herz wird täglich leichter
Und mein Glück nimmt immer zu.

Nirgends kann ich sie vergessen;
Und doch kann ich ruhig essen,
Heiter ist mein Geist und frei;
Und unmerkliche Bethörung
Macht die Liebe zur Verehrung,
Die Begier zur Schwärmerey.

Aufgezogen durch die Sonne
Schwimmt im Hauch äther’scher Wonne
So das leichtste Wölkchen nie,
Wie mein Herz in Ruh und Freude.
Frei von Furcht, zu groß zum Neide,
Lieb’ ich, ewig lieb’ ich sie!

Quelle: Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Erster Band. S. 48; 1827 - J. G. Cotta’sche Buchhandlung


Kunst, die Spröden zu fangen, Erste Erzählung
(Anmerkung Redaktion: Erste handschriftliche Gedichtsammlung einiger Liebesgedichte Goethes; die Abschrift erfolgte durch seinen Leipziger Freund Ernst Wolfgang Behrisch.)

Verzweifelt nicht ihr Jünglinge, wenn eure Mädgen spröde sind. Niemals hat noch die Kälte der mütterlichen Lehren ein weibliches Herze so zu Eise gehärtet, daß es der alles erwärmende Hauch der Liebe nicht hätte zerschmelzen sollen.

Hört, was mir mein Freund erzählte, dem ich sonst viel glaube.

Ich liebte ein Mädgen recht feurig, recht zärtlich; aber sie floh die Jünglinge und die Liebe, weil ihr die Mutter die Jünglinge und die Liebe sehr fürchterlich gemahlt hatte. Das schrekte mich nicht ab, es machte mich nur behutsam.

Ich seh's du kennst sie nicht die Liebe, dacht ich,
Denn wer sie kennt, der flieht sie nicht.
Wie leicht wird's seyn, dich zu entzünden,
Da du so unerfahren bist?
Die Liebe sollst du bald empfinden,
Und sollst nicht wissen, daß sie's ist.

Wenn ich sie im Hayne antraf, redete ich sie ganz trokken an. Meine Kälte betrog sie, daß sie nicht floh, und mit sich reden ließ. Ich sagte ihr viel von erhabnen Empfindungen, die ich Freundschaft nannte; leicht gewann ich da ihre Vertraulichkeit.

Dem Mädgen ward nebst andern Gaben
Viel feuriges Gefühl geschenkt,
Da meynt's, es denke gleich erhaben,
Da es doch nichts als feurig denkt.

Ich ward ihr Freund, sie meine Freundinn. Mein Umgang fieng an ihr täglich weniger gleichgültig zu werden.Sie freuete sich, wenn ich kam, und betrübte sich, wenn ich gieng.

Was bey des Jünglings Blikken
Ein jedes Mädgen fühlt,
War das, was mit Entzükken
Sie nur für Freundschaft hielt.

Ich war oft mit ihr alleine gewesen, doch hatte ich es nicht wagen dürfen, die Lehren der Mutter mit Gewalt anzugreifen. Nach und nach suchte ich sie mit List zu untergraben.

Seit einiger Zeit war ich ihr Lehrer geworden, hatte sie viel gutes gelehrt; und dem Liebhaber glaubt ein Mädgen immer mehr, als der Mutter. Da fieng sie an zu zweifeln, ob auch die Mutter immer möchte wahr geredet haben. Das merkte ich, und wusste ihre Zweifel zu nähren.

Einst saß sie meinen Lehren
Aufmerksam zu zuhören;
Da sprach ich: Du must wissen,
Daß auch die Freunde küssen,
Die Freunde so wie ich und du -
Ich wagt' es - und sie ließ es zu.

Da ich den ersten so leicht erhalten hatte, konnte ich noch eher auf den zweeten hoffen.

Nie schmekt ein Mädgen einen Kuß,
Die sich nicht nach dem zweeten sehnte.
Oft wiederhohlt' ich meinen Kuß,
Daß sie sich bald daran gewöhnte.
Wenn ich sie sah, und sie nicht küßte,
Sprach gleich ihr Blikk, daß sie etwas vermißte.

Der glükkliche Fortgang meiner Eroberungen machte mich stolz, und wer stolz ist, ist kühn.

So schwer ist's nicht, wie ich geglaubt,
Dem Mädgen eine Gunst zu rauben;
Hat sie uns nur erst eins erlaubt,
Das andre wird sie schon erlauben.

So bald ich sie wieder sah, redete ich feuriger, küßte ich sie feuriger, als sonst. Ich sah, daß sie bewegt ward.

Da wagt's mein Arm sie zu umschliesen.
Sie ließ es zu.
Da wagt's mein Mund die weisse Brust zu küssen.
Sie ließ es zu.
Doch eilends sprang sie auf. Dich werd ich fliehen müssen,
Gefährlicher! rief sie, und ließ nichts weiter zu,
Und floh. So weit gelang mir mein Bemühen.
Ich folg' ihr langsam, da sie flieht;
Denn eher wird sie bey dem Fliehen,
Als ich bey dem Verfolgen müd.

Quelle: Johann Wolfgang von Goethe, Annette, 2. Aufl., Faksimile-Neudruck der Ausgabe Leipzig 1767. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag, 1965.


Ziblis,
eine Erzählung.

Mädgen, sezzt euch zu mir nieder
Niemand stöhrt hier unsre Ruh,
Seht es kommt der Frühling wieder
Welkt die Blumen und die Lieder,
Ihn zu ehren hört mir zu.

Weise, strenge Mütter lehren:
Mädgen, flieht der Männer List.
Und doch laßt ihr euch bethören!
Hört, ihr sollt ein Beyspiel hören,
Wer am meisten furchtbar ist.

Ziblis jung und schön, zur Liebe,
Zu der Zärtlichkeit gemacht,
Floh aus rauhem wilden Triebe,
Nicht aus Tugend alle Liebe,
Ihre Freude war die Jagd.

Als sie einst tief im Gesträuche
Sorglos froh ein Liedgen sang,
Ward sie blaß, wie eine Leiche,
Da aus einer alten Eiche
Ein gehörnter Waldgott sprang.

Zärtlich lacht das Ungeheuer,
Ziblis wendet ihr Gesicht,
Läuft, doch der gehörnte Freyer
Springt ihr wie ein hüpfend Feuer
Nach, und ruft: O flieh mich nicht.

Schreyn kann niemals überwinden.
Sie lief schneller, er ihr nach.
Endlich kam sie zu den Gründen,
Da wo unter jungen Linden
Emiren am Wasser lag.

Hilf mir! rief sie. Er voll Freude,
Daß er so die Nymphe sah,
Stand bewafnet zu dem Streite
Mit dem Ast der nächsten Weide,
Als der Waldgott kam, schon da.

Der trat näher ihn zu höhnen,
Und gieng schnell den Zweykampf ein
Sie erbebt für Emirenen.
Immer wird das Herz der Schönen
Auf des Schönen Seite seyn.

Seinen Feind im Sand zu höhnen,
Regt sich Fuß, und Arm, und Hand.
Bald mit Stosen, bald mit Dehnen
Liebe stärkt die Kraft der Sehnen,
Beyde waren gleich entbrandt.

Endlich sinkt der Faun zur Erden,
Denn ihn traf ein harter Streich.
Gräslich zerrt er die Geberden;
Emiren ihn los zu werden,
Wirft ihn in den nächsten Teich.

Ziblis lag mit matten Blikken,
Da der Sieger kam, im Gras.
Wirds ihm ihr zu helfen glükken?
Leicht sind Mädgen zu erquikken,
Oft ist ihre Krankheit Spas.

Sie erhebt sich. Neues Leben
Giebt ein heißer Kuß ihr gleich.
Doch, der einen schon gegeben,
Sollte nicht nach mehrern streben?
Das sieht einem Mährgen gleich.

Wartet nur. Es folgten Küße
Hundertweis; sie schmekkten ihr.
Ja die Mäulgen schmekken süße.
Und bey Ziblis waren diese
Gar die ersten. Glaubt es mir.

Darum sog mit langen Zügen
Sie begierig immer mehr.
Endlich trunken von Vergnügen,
Ward dem Emiren das Siegen,
Wie ihr denken könnt, nicht schwer.

Mädgen, fürchtet rauher Leute
Buhlerische Wollust nie
Die im ehrfurchtsvollen Kleide
Viel von unschuldsvoller Freude
Reden, Mädgen, fürchtet die.

Wacht, denn da ist nichts zu scherzen.
Seyd viel lieber klug als kalt.
Zittert stets für eure Herzen.
Hat man einmal diese Herzen;
Ha! Das andre hat man bald.

Quelle: Johann Wolfgang von Goehe, Annette, 2. Aufl., Faksimile-Neudruck der Ausgabe Leipzig 1767. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag, 1965.


Neue Liebe, Neues Leben.

Herz, mein Herz, was soll das geben,
Was bedränget dich so sehr?
Welch ein fremdes neues Leben!
Ich erkenne dich nicht mehr.

Weg ist alles, was du liebtest,
Weg, warum du dich betrübtest,
Weg dein Fleis und deine Ruh;
Ach! wie kamst du mir dazu?

Feßelt dich die Jugendblüthe?
Diese liebliche Gestalt,
Dieser Blick voll Treu und Güte,
Mit unendlicher Gewalt?
Will ich rasch mich ihr entziehen,
Mich ermannen, ihr entfliehen;
Führet mich im Augenblick
Ach! mein Weg zu ihr zurück.

Und an diesem Zauberfädchen,
Das sich nicht zerreißen läßt,
Hält das liebe lose Mädchen
Mich so wider Willen fest;
Muß in ihrem Zauberkreise
Leben nun auf ihre Weise.
Die Verwandlung, ach! wie groß!
Liebe! Liebe laß mich los!

Quelle: Johann Wolfgang von Goehe, aus der Zeitschrift: J. G. Jacobi: Iris, Zweyter Band; Düsseldorf: 1775; S. 242 – 243


Rastlose Liebe

Dem Schnee, dem Regen,
dem Wind entgegen,
im Dampf der Klüfte,
durch Nebeldüfte,
immer zu! Immer zu!
Ohne Rast und Ruh!

Lieber durch Leiden
möcht' ich mich schlagen,
also so viel Freuden
des Lebens ertragen.

Alle das Neigen
von Herzen zu Herzen,
ach, wie so eigen
schaffet das Schmerzen!

Wie - soll ich fliehen?
Wälderwärts ziehen?
Alles vergebens!
Krone des Lebens,
Glück ohne Ruh,
Liebe, bist du!

Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Schriften. Achter Band, Leipzig: G. J. Göschen. 1789. Seite 147–148

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