Verdammte Spielsucht: Wie Glücksspiel alles zerstört

Aktualisiert am 27.August 2020
Die Spielsucht des Partners kann eine Beziehung oder Ehe zerstören (und noch viel mehr). Betroffene Angehörige können den Mechanismus hinter der Sucht allerdings verstehen lernen und vielleicht die richtigen Schritte tun.
von Redaktion
Bild zeigt Glücksspielautomaten
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Glücksspiel boomt – eine Gefahr für jede Familie

Die Glücksspielindustrie boomt jedes Jahr mehr. Im Jahr 2018 wurden allein in Deutschland Umsätze in Höhe von mehr als 29,6 Milliarden Euro erwirtschaftet (diese Zahl muss man sich Mal auf der Zunge zergehen lassen). „An jeder Ecke“ und mittlerweile sogar im TV wird man mit Glücksspielwerbung konfrontiert, obwohl das Spielen in Onlinecasinos in Deutschland in der Regel illegal ist. An Lockerungen wird von Seiten der Regierung allerdings schon gearbeitet- auch der Fiskus will etwas vom großen Kuchen der Glücksspielindustrie abhaben. Dass dabei Existenzen zerstört werden, spielt nur in zweiter Linie eine Rolle. Praktisch jede Familie mit Zugang zum Internet unterliegt der Gefahr selbst betroffen zu sein.

Nur noch ein letztes Spiel

Spielsucht im pathologischen Sinne gilt als eine ernsthafte, psychische Erkrankung. Betroffene befinden sich in einem zwanghaften Abhängigkeitsverhältnis. Sie versuchen Erfolgserlebnisse und kurzfristige Glücksgefühle durch beständiges Spielen immer wieder zu erleben. Die Folgen für den Abhängigen können dramatisch ausfallen. Häufig leiden auch Familienmitglieder und besonders die Beziehung zu einem Lebenspartner darunter. Doch welche Merkmale verraten eine sich anbahnende Spielsucht und wo können Süchtige Unterstützung im Kampf gegen den zerstörerischen Teufelskreis erhalten?

Spielsucht – ein schleichendes Gift für die Beziehung und das soziale Umfeld

Es ist ein typisches Szenario von Geheimniskrämerei und Schamgefühl: Der Partner ist unauffindbar und kommt nachts spät nach Hause. Es ist nicht das erste Vorkommnis dieser Art. Allgemeine Gereiztheit, Streitlust, Vertuschungsversuche und Lügen gesellen sich hinzu. Das Spielen wird geleugnet oder zumindest als harmlose Lappalie dargestellt. Doch tatsächlich nimmt es eine immer größere Bedeutung im Lebensalltag des Süchtigen ein.

Angefangen hat alles wirklich mit überschaubaren und kurzen Ausflügen ins Onlinecasino. Doch über einen längeren Zeitraum wurde aus Spaß zunehmend Ernst. Geld geht beim Zocken verloren und die angehäuften Verluste lassen sich immer schlechter kompensieren. Die Auswirkungen auf die Lebensführung in einer Beziehung oder Ehe treten dann rasch ans Tageslicht. Berufliche Verpflichtungen, familiäre Verabredungen oder Zeit für gemeinsame Aktivitäten und allgemeine Aufmerksamkeit gegenüber dem Ehepartner rücken immer mehr in den Hintergrund.

Als ausgesprochen schwerwiegend wird in Beziehungen der schwere Vertrauensmissbrauch empfunden. Die Abkehr von Partnerschaft und sozialen Kontakten erfolgt dabei nicht als einseitige Gegenreaktion. Vielmehr geht diesem Prozess ein gesteigertes Desinteresse an derartigen Verbindungen vom Suchtkranken selbst aus. Es entsteht eine sich gegenseitig verstärkende Wechselwirkung, die viele Beziehungen an den Rand des totalen Abbruchs führt. Ein prominentes Beispiel für einen Fall von schwerer Spielsucht liefert aktuell der bekannte Sportreporter Werner Hansch. Dieser lieh sich von CDU-Politiker Wolfgang Bosbach Geld zur Begleichung eines angeblichen Unfallschadens. Tatsächlich verspielte er den Betrag bei Wetteinsätzen und zog so den Unmut seines Unterstützers auf sich. Die Dimensionen seiner Sucht machte er selbst öffentlich: Beziehungsabbruch der Lebenspartnerin, hoch verschuldet und angesichts der belastenden Situation emotional am Abgrund.

Die Lüge und Verharmlosung gelten als markantes Symptom des Kontrollverlustes. Täuschungsversuche dienen zudem als beliebtes Mittel zur Geldbeschaffung. Freunde, Bekannte und den eigenen Partner sehen Süchtige verstärkt als Geldquelle zur Aufrechterhaltung der Suchtspirale. Der Leidensdruck des Spielers steigt dabei immer mehr, da er sich im Inneren natürlich über sein Handeln im Klaren ist. Die Sucht hat ihn allerdings fest im Griff und ohne fremde Hilfe wird er es in den seltensten Fällen schaffen, dieser Spirale zu entkommen.

Verlockende Erfolgserlebnisse mit bösen Folgen

In Deutschland alleine gibt es ungefähr eine halbe Million Menschen mit einem gefährlichen Hang zum Glücksspiel. Die Dunkelziffer liegt möglicherweise noch viel höher. Waren früher Glücksspiele meist auf speziell dafür vorgesehene Wettbüros oder Casinos begrenzt, ist heute der Zugriff auf süchtig machende Spielkonzepte wesentlich einfacher. Längst sind entsprechende Angebote im Internet abrufbar und meist völlig kostenlos zum Ausprobieren. Als problematisch gelten auch die sogenannten versteckten Glücksspielfaktoren. Eine derartige Entwicklung ist bei vielen Smartphone-Spielen und auch vollwertigen Computerspielen längst im Gange. Statt mit echtem Geld greifen Anbieter auf virtuelle Synonyme zurück, die sogenannte Ingame-Währung. Mit Punkten, Coins oder anderen fantasievollen Umschreibungen zocken Spieler um Sieg oder Niederlage in der nächsten Partie. Zufall ist das nicht. Durch das Konzept geht der Bezug zum Echtgeld verloren. So geraten selbst Kinder mit vermeintlich harmlosen Apps sehr früh und völlig unvorbereitet in bedrohliche Situationen.

Zwei Dinge haben die meisten Glücksspielfallen gemeinsam: Sie lassen sich spontan mit kurzem Zeitaufwand und Geldeinsatz spielen. Die kurze Wartezeit dient als Katalysator, denn bereits in der nächsten Runde könnte sich vielleicht der Ausgang zugunsten des Spielers ändern. Aus diesem Grund besitzt zum Beispiel Lotto mit seinem geringen Einsatz und langen Wartezeiten deutlich geringeres Suchtpotenzial – gänzlich ausschließen tut dies eine Suchterkrankung aber noch nicht.

Das Gewinnen steht nicht im Fokus einer Spielsucht

Die mathematische Unmöglichkeit einer gewinnbringenden Glückssträhne ignorieren Betroffene gewissenhaft. Persönliches Können steht bei dieser Art von Spiel nicht im Fokus, vielmehr ist es im Verlauf einer Spielsucht oftmals eine Flucht vor der Wirklichkeit. Deshalb führt die statistische Wahrscheinlichkeit für Sieg oder Niederlage langfristig immer zu einem Totalverlust auf der Spielerseite. Der Ausgang der Partie entzieht sich komplett seinem Einfluss. Grund für die extreme Attraktion solcher Spiele ist häufig ein geringes Selbstwertgefühl, eine große Sehnsucht nach Schutz, Wohlstand oder Selbstbestätigung. Die ersten Erfolge beim Zocken funktionieren daher bei bestimmten Persönlichkeitsstrukturen wie eine Initialzündung, während andere Personen Gelegenheitsspieler bleiben oder komplett auf das riskante Wagnis verzichten. Emotionale Befriedigung und der Durst nach erneuter Bestätigung rücken schleichend aber unaufhaltsam in den Vordergrund. Die Entwicklung vollzieht sich meist über einen längeren Zeitraum von bis zu mehreren Jahren. Einmal im Hamsterrad gefangen, gibt es für den Süchtigen alleine meist keinen Ausstieg aus der Misere.

Typische Anlaufstellen sind:

  • Spielhallen
  • Wettbüros für Fußballspiele, Pferderennen oder andere Sportereignisse
  • Online-Casinos
  • Computerspiele mit Geldeinsatz und klarem Glücksfaktor

Besonders prekär ist die Lage durch die Online-Dienste und diverse Spielserien. Dank der vollkommenen Anonymität in der Computerwelt fällt der ungesunde Spielrausch meist erst in späteren Stadien auf. Die Möglichkeit an jedem Ort unentdeckt und zu jeder Zeit dem favorisierten Spiel frönen zu können, erschwert die rechtzeitige Diagnose und Therapie.

Symptome: Lügen und körperlicher Verfall als wichtige Anzeichen

Erste Anzeichnen von Spielsucht sind leicht zu übersehen und nicht zwingend spezifisch. Gehäufte Auffälligkeiten in immer kürzeren Zeiträumen liefern erste Anhaltspunkte. Längere Abwesenheitsphasen werden etwa wiederholt mit Ausflüchten begründet. Der wachsende Kontrollverlust führt zu depressiven Verstimmungen und einem ungesunden Schlafverhalten mit ausgeprägter Tagesmüdigkeit. Weiterhin vernachlässigt der Betroffene eine gesunde Ernährung. Aufgrund abnehmender Körperhygiene zeichnen sich erste äußerliche Anzeichen der Sucht ab. Drohende Arbeitslosigkeit, Veräußerung der letzten Besitzstände und mangelnder Rückhalt bei Mitmenschen münden langfristig in den Absturz der Beschaffungskriminalität. Da der Zeitaufwand für das Spielen gigantische Ausmaße annehmen kann, erhalten zum Beispiel Arbeitgeber fingierte Krankmeldungen. Das Spiel und dessen negativen Konsequenzen nehmen einen überragenden Platz im Alltagsleben einer Partnerschaft ein. Streit und Misstrauen prägen zunehmend das Beziehungsbild. Schulden und Depressionen lösen im Extremfall sogar Suizidgedanken aus. Eine stark ausgeprägte Hilflosigkeit angesichts der schwerwiegenden Notlage lastet dann auf beiden Partnern.

Welche Wege führen aus der Sucht – was können Partner tun?

Nicht nur pathologisch Suchtkranke benötigen Hilfe. Auch das direkte Lebensumfeld wie die Familie oder der Ehepartner leidet massiv darunter. Durch das schädigende Suchtverhalten geraten auch sie in emotionale Schieflagen und finanzielle Nöte. Eine komplette Sozialstruktur droht zu kollabieren. Nur mit professioneller Beratung und entsprechenden Therapieangeboten besteht eine realistische Chance auf die Rückkehr zur Normalität. Wichtig bleibt es auch, die bestehende Erkrankung durch falsches Verhalten nicht zusätzlich zu fördern oder gar die Therapiebereitschaft zu torpedieren.

  • Der erkrankte muss Einsicht und Bereitschaft für eine Therapie äußern.
  • Finanzielle Unterstützung fördert die Sucht zusätzlich. Darlehen und materielle Unterstützung legitimieren unterbewusst das Verhalten aus der Sicht des Erkrankten.
  • Anerkennung der Erkrankung aufseiten der Angehörigen und Partner ist notwendig.
  • Inkonsequentes Verhalten wie nicht durchgeführte Sanktionen zementiert die Lage zusätzlich.
  • Drohgebärden und Strafen führen meist nicht zu einer Besserung, da krankhafter Zwang die Grundlage für das Fehlverhalten bildet.

Vielmehr sollten Lebenspartner versuchen, ruhig und aufrichtig über die Lage zu sprechen und die Notlage nicht mit einem Siegel des Schweigens zu belegen, sondern gemeinsam Wege aus der Sucht zu suchen. Häufig reagieren Süchtige leider sehr schnell abweisend und wütend. Daher ist emotionale Unterstützung und eine langsam aufbauend Ermutigung für eine Therapie die einzig sinnvolle Option für den Weiterbestand der Beziehung. Selbsthilfegruppen können dabei helfen, die notwendige Einsicht weiter zu festigen. Der Gang zum Psychotherapeuten bleibt aber letzten Endes unausweichlich. Ambulante Therapieangebote dienen als lockerer Erstkontakt. Bei leichteren Fällen werden dort persönliche Behandlungsziele abgesteckt und im Verlauf von bis zu 12 Monaten in kleinen Schritten erarbeitet. Schwere Fälle erfordern dagegen einen harten Entzug über eine stationäre Behandlung. Dabei geht es auch um die Klärung der psychologischen Hintergründe und weiterer Ursachen. Abhängig davon wird die Behandlung eventuell mit der Einnahme von Medikamenten begleitet. Gleichzeitig sollten Betroffene aufgrund der Umstände Kontakt mit der Schuldner- sowie Partnerberatung suchen. Die Aussicht auf Heilung bei freiwilliger Therapie liegt allgemein gut. Wie bei jeder Sucht fällt der Weg dadurch vor allem Anfangs schwer und verläuft nicht immer nach einem roten Faden. Statistisch bricht jeder zweite die Behandlung ab. Rund ein Drittel der Absolventen erleidet einen Rückfall. Mit zunehmender Distanz fällt der Verzicht auf das Glücksspiel leichter. Die erfolgreiche Abstinenz wie auch bei anderen Suchterkrankungen bleibt indes eine lebenslange Herausforderung.

Adressen und Anlaufstellen

Es gibt viele Einrichtungen die Rat und Hilfe anbieten, für Personen und Angehörige, die unter einer Spielabhängigkeit leiden.

Es gibt Software die Computer vor ungewollten Webseiten wie etwa Onlinecasinos schützt: Cyber Patrol

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